Der Bio-Markt in Deutschland wächst 2026 voraussichtlich um 5,5 Prozent auf 19,2 Milliarden Euro und damit fast viermal so schnell wie der restliche Lebensmittelmarkt (+1,4 Prozent). Der Bio-Anteil am Lebensmittelumsatz erreicht mit 6,9 Prozent einen neuen Höchstwert. Das zeigt das neue Whitepaper Nr. 84 „Bio 2026 – Warum Kund*innen Bio kaufen und was Hersteller*innen und Handel daraus lernen können“ von Prof. Dr. Stephan Rüschen (DHBW Heilbronn) und Stefanie Exel (Kantar). Die Studie verbindet Marktdaten mit einer gewichteten Online-Befragung von 2.083 Verbraucherinnen und Verbrauchern. Ihr Kernbefund: Bio ist im Massenmarkt angekommen, aber selten Routine – 91 Prozent kaufen zumindest selten Bio, regelmäßig jedoch nur 28 Prozent.
Die wichtigsten Ergebnisse
Das Wachstum gehört dem LEH, dem Discount und der Drogerie
72 Prozent des Bio-Umsatzes laufen inzwischen über den Lebensmitteleinzelhandel – 2011 waren es 49 Prozent. Discounter (+1,8 Mrd. Euro) und Drogeriemärkte (+1,4 Mrd. Euro) liefern seit 2020 drei Viertel des Zuwachses. Die Drogerie liegt mit 16,9 Prozent Umsatzanteil erstmals vor dem Fachhandel, der seit 2020 6,1 Prozentpunkte verloren hat.
Bio ist ein Handelsmarken-Markt
Zwei Drittel des Bio-Umsatzes (67,7 Prozent) entfallen auf Eigenmarken des Handels – rund 20 Prozentpunkte mehr als im Lebensmittelmarkt insgesamt. Die Bio-Handelsmarke hat seit 2020 rund 5,4 Mrd. Euro hinzugewonnen und damit mehr als das gesamte Marktwachstum. Bio-Markenartikel verlieren im gleichen Zeitraum absolut rund 1,2 Mrd. Euro (–16 Prozent).
Kundinnen und Kunden bestätigen den Handelsmarken-Trend
Beim Preis-Leistungs-Verhältnis sehen 45 Prozent die Bio-Eigenmarke vorn, nur 14 Prozent den Markenartikel; bei der Qualität steht es 35 zu 19. 44 Prozent sehen keinen Unterschied. Je jünger die Befragten, desto stärker die Eigenmarken-Präferenz: 47 Prozent der 16- bis 24-Jährigen halten die Eigenmarke qualitativ für besser, bei den 55- bis 64-Jährigen sind es 22 Prozent.
Gelegenheitskäufer*innen sind der größte Hebel
45 Prozent kaufen Bio nur gelegentlich. Rund 30 Prozent aller befragten Personen haben eine nachhaltige Haltung, kaufen aber nicht regelmäßig Bio. Das Wachstumspotenzial liegt damit in der Kaufhäufigkeit, nicht in der Reichweite.
Überzeugung statt Relevanz
Geschmack ist für 76 Prozent das wichtigste Kaufkriterium, doch nur 62 Prozent verbinden ihn mit Bio. Stammkäufer*innen unterscheiden sich von den übrigen Käufer*innen vor allem in der Überzeugung: „Bio schmeckt besser“ sagen 69 gegenüber 36 Prozent, „Mit Bio fühle ich mich wohler“ 72 gegenüber 36 Prozent. Am größten ist die Geschmackslücke bei den 55- bis 64-Jährigen (–23 Prozentpunkte).
Der Preis bremst, Handelsunternehmen schaffen Vertrauen
85 Prozent halten Bio für teurer, 52 Prozent finden den Mehrpreis gerechtfertigt. Bio-Siegeln vertrauen nur 46 Prozent. Dagegen erwarten 61 Prozent, dass Handelsunternehmen den Bio-Beitrag erklären, und 58 Prozent kaufen eher bei glaubwürdig nachhaltigen Handelsunternehmen – unter den Stammkäufer*innen*innen sogar 76 Prozent.
Stimmen zur Studie
Prof. Dr. Stephan Rüschen, Studiengangsleiter Retail Management Food und Professor für Lebensmittelhandel an der DHBW Heilbronn:
„Bio ist im Massenmarkt angekommen – aber noch nicht im Einkaufsalltag. Fast jeder kauft Bio, doch nur gut jeder Vierte regelmäßig. Das nächste Wachstum entscheidet sich nicht an neuen Käufer*innen, sondern daran, ob der Handel Gelegenheitskäufer*innen zu Stammkund*innen macht – über Einstiegspreise, erlebbaren Geschmack und eine glaubwürdige Erklärung, was Bio konkret leistet.“
„Die Bio-Handelsmarke ist längst mehr als die günstige Alternative: Sie ist die Bio-Plattform des Handels und wird von Kund*innen auch bei der Qualität vorn gesehen. Für Bio-Markenartikel heißt das: Das Bio-Siegel allein reicht nicht mehr als Argument. Marken müssen ihren Mehrwert bei Herkunft, Geschmack und Verbandsqualität belegen.“
Stefanie Exel, Kantar:
„Die Daten zeigen klar, dass Bio-Stammkäuferinnen höhere Ansprüche haben – sowohl an den Geschmack als auch an das Versprechen von Gesundheit und Nachhaltigkeit. Wer diese Käufer*innen gewinnen und langfristig binden will, muss deshalb mit Geschmack überzeugen und gleichzeitig transparent kommunizieren, welchen Mehrwert Bio für Körper und Natur bietet.“
„Nur knapp die Hälfte der Käufer*innen vertraut den Bio-Siegeln – aber fast zwei Drittel erwarten, dass ihr Händler den Bio-Beitrag erklärt. Damit wird das Handelsunternehmen selbst zur Vertrauensmarke. Besonders die jüngeren Shopper sind mit Eigenmarken groß geworden. Wir gehen deshalb davon aus, dass der Handelsmarkenanteil weiter steigt.“
Über die Studie
Das Whitepaper Nr. 84 kombiniert zwei Quellen. Die Marktdaten umfassen den Bio-Umsatz in Deutschland 2000 bis 2026 (BÖLW, 2026 als DHBW-Forecast), die Umsatzanteile der Betriebsformen sowie die Anteile von Handels- und Herstellermarken 2020 bis 2026. Die Befragung von Kund*innen wurde online vom 3. bis 14. September 2026 unter 2.083 Personen im Alter von 16 bis 64 Jahren durchgeführt (davon 1.888 Bio-Käufer*innen); die Stichprobe ist gewichtet. Das Whitepaper leitet daraus konkrete Empfehlungen für Discount, Supermarkt, Verbrauchermarkt, Bio-Fachhandel und Bio-Markenartikel ab.
Die vollständige Studie steht als Whitepaper Nr. 84 der DHBW Heilbronn und KANTAR zum Download bereit unter: https://handel-dhbw.de/whitepaper-download/
Über die DHBW Heilbronn
Die DHBW Heilbronn wurde 2010 gegründet und ist das jüngste Mitglied der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, mit mehr als 35.000 Studierenden die größte Hochschule des Landes. Mit über 1.600 Studierenden und mehr als 850 dualen Partnerorganisationen hat sie sich zur ersten Adresse für die Lebensmittelbranche entwickelt. Sie befindet sich auf dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung in Heilbronn.