Zwei Drittel bleiben (noch) bei der Kassiererin
Die SB-Kasse erlebt in Deutschland einen beispiellosen Boom. Allein zwischen 2021 und 2025 hat sich die Zahl der stationären Self-Checkout-Kassen von rund 7.200 auf über 38.500 mehr als verfünffacht, inzwischen ist jede 18. Kasse im deutschen Einzelhandel ein Self-Checkout. Unsere aktuelle Omnibus-Befragung zeigt jedoch, dass das Angebot offenbar schneller wächst als die Akzeptanz: 67 Prozent der Befragten bevorzugen weiterhin die klassische Personalkasse, nur 33 Prozent die automatisierte Selbstbedienung. Der Handel hat die Hardware ausgerollt – die Herzen und Köpfe der Kundschaft aber noch nicht durchgängig gewonnen.
Warum die Personalkasse vorne liegt: Mensch, Gewohnheit, Bargeld
Wer die Kasse mit Personal bevorzugt, tut das vor allem aus menschlichen und kulturellen Gründen, nicht aus technischen Vorbehalten. Ganz oben steht mit 42 Prozent die Vorliebe für den Umgang mit Menschen statt mit Maschinen, dicht gefolgt von der schlichten Gewohnheit (40 Prozent) und der typisch deutschen Vorliebe für Bargeld, das an den meisten SB-Kassen nicht akzeptiert wird (39 Prozent). Dass diese Trias kein Einzelbefund ist, sondern ein stabiles Muster, zeigt sich auch in anderen aktuellen Erhebungen, in denen persönlicher Kontakt und Barzahlung ebenfalls die meistgenannten Gründe gegen den Self-Checkout sind.
Spannend wird es bei den funktionalen Gründen dahinter: Rund ein Viertel der Personalkassen-Fans gibt offen zu, selber länger zu brauchen als das geschulte Personal (28 Prozent), Angst vor Fehlern bei der Bedienung (21%) zu haben oder von der Technik überfordert zu sein (16%) und ein weiteres Viertel (26 Prozent) möchte beim Einkauf gleich Bargeld abheben – an SB-Kassen meist nicht möglich. Gerade die Skepsis erledigt sich zudem mit dem Generationenwechsel nicht von alleine – bei der GenZ sind Fehlerangst (24 Prozent) und Überforderung (23 Prozent) jeweils überdurchschnittlich hoch.
Dass diese Sorgen begründet sind, zeigt auch ein Blick in den Alltag und in die Fachpresse: Immer wieder wird beschrieben, wie der Handel sich den Self-Checkout durch schlecht durchdachtes Layout häufig selbst ruiniert – zu kleine Ablageflächen, umständliche Obst- und Gemüsesuche in alphabetischen Menüs, fehlende Bezahloptionen. Hinzu kommen typische Frusterlebnisse beim Wiegen, bei altersgeprüften Artikeln oder bei automatisch ausgelösten Gewichtskontrollen, bei denen die rote Lampe angeht und der Kunde minutenlang wartet, bis ein Mitarbeiter eintrifft. Aber auch das Gegenteil kann frustrieren: übermotiviertes Personal, das ungefragt mitscannt und kommentiert, untergräbt genau den Autonomie-Wunsch, der die SB-Kasse für viele erst attraktiv macht. Das Wie der Unterstützung ist also genauso entscheidend wie das Ob.
Was die SB-Kasse stark macht: Tempo-Souveränität und Spaß
Wer den Self-Checkout bevorzugt, tut das vor allem aus einem Grund heraus: Souveränität über die Geschwindigkeit. 56 Prozent schätzen, dass sie ihr eigenes Tempo bestimmen können und keinem Zeitdruck der wartenden Schlange ausgesetzt sind, 51 Prozent nennen kürzere Wartezeiten aufgrund kürzerer Warteschlangen. Bemerkenswert ist Platz drei: 38 Prozent geben an, dass ihnen das Selber-Scannen schlicht mehr Spaß macht als das Zuschauen – ein Befund, den der Handel bislang kaum kommunikativ nutzt. Hinzu kommt mit 33 Prozent ein rationaler Vertrauensaspekt: Man sieht selbst, dass Anzahl und Preis der Produkte korrekt erfasst werden. Weitere Treiber wie der Überblick über die Gesamtkosten (31 Prozent), keine Konversation nötig (29 Prozent) oder Privatsphäre (26 Prozent) runden das Bild ab.
„Angst oder Überforderung an der SB Kasse werden nur selten als Hinderungsgrund genannt. Aber die häufige Nennung von Gewohnheit, oder dass man selbst langsamer ist bzw. jemanden fragen kann, deuten darauf hin, dass sich viele Menschen mit den SB-Kassen doch noch nicht vertraut genug fühlen. Das gilt interessanterweise gerade auch für die jüngeren Generationen, eine breitere Nutzung wird sich also nicht automatisch einspielen. Ansprechpartner oder Checkout-Helfer direkt an den Terminals können hier Sicherheit geben, bis der Umgang vertrauter ist.“
Neben funktionalen Aspekten gibt es aber auch gesellschaftliche Aspekte
Neben diesen funktionalen Themen zeigen weitere Untersuchungen, dass es zwei stark emotional aufgeladene Gründe gibt, die der Handel bisher kaum adressiert.
Der Kunde als billige Arbeitskraft. In vielen Köpfen sitzt das Gefühl, dem Handel die Arbeit der Kassiererin abzunehmen, ohne dafür einen spürbaren Gegenwert zu erhalten – keinen Rabatt, keinen Bonus, kein Dankeschön. Verstärkt wird das durch ein wachsendes Kontrollregime: KI-gestützte Stichprobenkontrollen, Ausgangs-Gates mit Bon-Scan und Kameraüberwachung sind dokumentiert auf dem Vormarsch, begründet mit einer um 15 bis 30 Prozent höheren Diebstahlsrate an SB-Kassen. So nachvollziehbar das aus Händlersicht ist – ehrliche Kunden fühlen sich zunehmend unter Generalverdacht gestellt und berichten von unangenehmen, teils öffentlichen Kontrollsituationen.
Self-Checkout als Jobkiller. Die SB-Kasse hat in Teilen der Öffentlichkeit den Ruf, Arbeitsplätze im Einzelhandel zu vernichten. Branchenexperten widersprechen diesem Eindruck klar: Self-Checkout-Systeme würden keine Arbeitsplätze gefährden, sondern Personalmangel kompensieren und Mitarbeitende für höherwertige Aufgaben freisetzen – „mehr Freiraum für eine bessere Beratung, Services oder andere Tätigkeiten im Markt", wie es ein großer Drogeriehändler formuliert. Nur: Diese Geschichte ist bei der Kundschaft so noch nicht angekommen.
Was der Handel jetzt tun sollte
Aus diesen Befunden lassen sich vier strategische Hebel ableiten, die in Kombination wirken.
Erstens sollte Personal an die SB-Kasse geholt werden, nicht weg davon. Die größte funktionale Schwäche – die Angst vor Fehlern und das lange Warten auf Hilfe – lässt sich am wirksamsten durch sichtbar präsentes, freundlich-zurückhaltendes Personal lösen: schnell verfügbar bei Wiege-, Alters- oder Fehlalarmen, aber ohne ungefragt zu bevormunden.
Zweitens sollten Bargeld- und Cashback-Funktionen ausgebaut werden. 39 Prozent nennen Bargeld als Grund gegen SCO, 26 Prozent das Abheben am Automaten – beides ist technisch lösbar und öffnet die SB-Kasse für eine signifikante, bislang ausgeschlossene Zielgruppe.
Drittens braucht es eine ehrliche Image-Kampagne gegen das Jobkiller-Narrativ. Die Botschaft sollte glaubwürdig und differenziert sein:„Unser Personal hat dank SB-Kassen mehr Zeit für Sie – für Beratung, Frische und kürzere Wartezeiten." Wichtig ist, das nicht nur zu behaupten, sondern in der Filiale sichtbar zu machen – durch eben jenes umgewidmete Personal an SB-Bereich, Beratung und Frischetheken.
Viertens sollte der Kunde nicht als billige Arbeitskraft behandelt werden. Wer die Arbeit der Kassiererin übernimmt, sollte etwas zurückbekommen – Bonus-Punkte, Express-Lanes, kleine Treue-Goodies. Das entkräftet den Vorwurf und nutzt zugleich den überraschenden Spaßfaktor (38 Prozent), den unsere Daten zeigen: Mit kleinen Gamification-Elementen lässt sich aus Pflicht ein Erlebnis machen – gerade bei jüngeren Zielgruppen.
Fazit
Die SB-Kasse ist in Deutschland angekommen, aber noch nicht angenommen. Ihre Zukunft entscheidet sich weniger an der Technik als an Personalpräsenz, Bezahlvielfalt, UX-Details und einer ehrlichen Erzählung darüber, was sie für Kunden und Mitarbeitende leistet. Wer diese Hebel ignoriert, wird weiter Hardware ausrollen – und sich wundern, warum zwei Drittel der Kundschaft trotzdem in die andere Schlange gehen.
Quellen:
- Kantar Omnibus-Befragung | Basis: n = 1.029 Erwachsene (16–64 Jahre), Online, Feldzeit 04.–08.06.2026
- EHI Retail Institute, Markterhebung Self-Checkout 2025
- YouGov/dpa-Umfrage Oktober 2025
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